Momentan gibt es nichts Grossartiges zu berichten, aber schon die kleinen alltaeglichen Dinge sind spannend fuer mich, hier mein Tagesablauf von heute:
Bin gegen 9h30 aufgewacht, habe geduscht (guter Wasserdruck und eine warme Dusche - habe das zu schaetzen gelernt) und bin in meine Kleider gehuepft. Die Hosen sitzen inzwischen recht locker, schaetze, dass ich mit dem leichten Durchfall, den ich seit zwei Wochen habe, 3-5 Kilo abgenommen habe. Da unsere ganze Gruppe davon befallen war und Victoria lakonisch gemeint hat, das waere wohl ein "Bug" und man muesse warten, bis der wieder draussen waere, nehme ich die Sache nicht so ernst, solange es nicht schlimmer wird (Magendarmprobleme waren DAS Tagesgespraech unserer Gruppe). Zum Arzt gehe ich hier nur, wenn es unbedingt notwendig ist, habe schlechte Sachen gehoert. Muesste allenfalls also erst die Schweizer Botschaft anrufen, damit diese mir einen vertrauenswuerdigen Arzt nennen und schauen, dass mich jemand dorthin begleitet. Viiiiel zu kompliziert!
Beim "continental breakfast" im Hotel mit ausserordentlich netter Bedienung (habe das auch schaetzen gelernt) habe ich eine Schabe auf dem Boden auf Nahrungssuche beobachtet und die Hindustan Times gelesen. Die indischen Medien (in englisch) sind sehr gut und informativ, sie berichten ueber internationale und nationale Themen, Promiklatsch und die Heiratsannoncen sind immer besonders lustig zu lesen.
Anschliessend bin ich raus aus dem Hotel, um ins Nationalmuseum zu fahren. Gestern hat mich ein Tuktukfahrer gratis zum Internetcafe um die Ecke gebracht. Verstaendlicherweise nur deshalb, weil er ein groesseres Geschaeft gewittert hat. So hat er heute morgen eine Stunde vor dem Hotel auf mich gewartet und dann den Portier instruiert, ihn bei meinem Erscheinen zu informieren. Als ich aus dem Hotel gekommen bin, haben sich verschiedene Tuktukfahrer auf mich gestuerzt. Der Portier hat diese abgewimmelt, mich in die Hotellobby zurueckkomplimentiert und 'meinen' Tuktukfahrer angerufen. Dieser hat mich zunaechst zu einem Kaufhaus gefahren. Weil ich ein bisschen Mitleid mit ihm hatte, bin ich ihm zuliebe durch das Kaufhaus geschlendert und habe mir von einer Verkaeuferin eine Tunika aufschwatzen lassen. Im Lonely Planet hatte ich gelesen, dass vieles einfacher ist, wenn man lokale Kleidung traegt (vor drei Wochen habe ich mir ernsthaft ueberlegt, eine Burka zu kaufen und mich voll zu verschleiern...). Immerhin konnte ich die Tunika um den halben Preis runterhandeln. Nach energischen Protesten gegen weitere Kaufhaeuser hat mich der Tuktukfahrer dann direkt zum Museum gebracht. Unterwegs wurde ich wie ueblich an den Ampeln von Bettlern (meistens Mutter mit Kind, die Hum-hum murmeln, am T-Shirt zupfen und eine Essensbewegung machen) belagert. Raj, unser Guide, hatte uns erklaert, dass es organisierte Bettlerbanden in Delhi gibt, und man besser Entwicklungsprojekte anstelle Einzelpersonen unterstuetzen solle.
Die Preise im Nationalmuseum variieren von 1 Rupie (indische Studenten) ueber 10 Rupies (Einheimische) bis hin zu 300 Rupies (Auslaender). Dafuer bekommt man einen Audioguide (sogar in Deutsch!), welcher durch das riesige Museum fuehrt. Das Nationalmuseum ist wirklich interessant, man lernt viel ueber die Geschichte Indiens. Neben Skulpturen gibt es Teppiche, Muenzen, Miniaturmalereien, Skulpturen und und und zu bewundern. Seit 1000enden von Jahren hatte Indien Handelsbeziehungen zu Europa und Mesopotamien und so findet man auch europaeische Einfluesse in der indieschen Kunst. Im Taj Mahal gibt es eine Abbildung von Orpheus, in einigen Miniaturzeichnungen aus dem 14 Jh. war Jesu Geburt und die Geschichte von Yusuf (=Joseph, den seine Brueder in den Brunnen warfen und in den sich die Prinzessin Zuleika verliebte) abgebildet. Beeindruckend war auch das Reiseequipment eines Maharajas, der Brokatteppiche, Baldachine, Kissen, Wandteppiche und diverse Vasen, Wasserpfeifen, Instrumente usw. mitnahm, um es auf Reisen bequem zu haben - ein wandelnder Palast.
Eigentlich wollte ich im Museumscafe mittagesssen, das Buffet sah aber etwas unappetitlich aus und die Kellner waren aufdringlich, so habe ich das Restaurant fluchtartig verlassen und mich auf den Weg zu einem Yogazentrum gemacht. Den Tuktukfahrer konnte ich erfolgreich runterhandeln (langsam macht das Handeln Spass). Das Yogazentrum ist riesig, ich bin eine halbe Stunde von einem Buero zum naechsten geirrt, habe erfahren, dass die Registration sehr kompliziert ist und die Anfaengerkurse morgens von 7-9 sind... viel zu frueh fuer mich. Vorher bin ich in der Marktstrasse in der Naehe unseres Hotels herumgeschlendert und habe versucht, einen Schal fuer meine Tunika zu finden. Bin mit meiner Wahl im Nachhinein nicht sehr zufrieden, janu... (wenn jemand ein golddurchwirktes, tuerkisen Halstuch sucht, bitte melden...) War auf jeden Fall ein interessantes Erlebnis.
Jetzt bin ich wieder im Internetcafe bei den Sikhs, die sehr nett sind, solange sie nicht herumschreien und streiten. Gestern musste ich mich in ein Buch einschreiben und meinen Pass kopieren lassen - ist wohl ein staatliches Internetcafe.
Soweit also mein heutiger Tag.
Gehe nachher ins Hotel essen und mein Buch weiterlesen. "May you be the mother of a hundred sons" von Elizabeth Bumiller. Diese war eine Journalistin fuer die New York Times und Ende der 80er Jahre 3 Jahre lang in Indien. Das erste Kapitel ging ueber arrangierte Ehen, die mal gluecklicher und mal weniger gluecklich sind. Ca 80% der Ehen werden immer noch von den Eltern arrangiert, nur wenige sind "Love Marriages". Scheidungen sind unueblich und Witwen duerfen normalerweise nicht mehr heiraten. Die Braut zieht in den Haushalt/Familie des Mannes. Frueher zahlte die Familie als Gegenleistung fuer die Arbeitskraft einen Betrag an die Familie der Braut. In der Mittel- und Oberschicht wurde es dann modern, dass die Hausfrau daheim bleibt (nicht mehr auf dem Feld arbeitet), und als Gegenleistung fuer ihren "Unterhalt" muss die Familie der Braut dem Braeutigam Mitgift zahlen. Ist die Mitgift zuwenig, wird die Braut manchmal kurzerhand mit Petroleum uebergossen und lebendig verbrannt. Anschliessend kann man dann eine neue Braut mit mehr Mitgift suchen. Ist die Braut in der Ehe sehr ungluecklich, verbrennt sie sich manchmal selber oder begeht andersweise Selbstmord (gestern habe ich in der Zeitung von einer Frau gelesen, die sich erhaengt hat, weil die Familie sie wegen zuwenig Mitgift schikaniert hat).
Feuer ist in der indischen Gesellschaft allgegenwaertig. Die Leichen werden verbrannt und es kommt immernoch (selten) vor, dass eine Frau "sita" begeht, d.h. sich mit ihrem toten Mann auf den Scheiterhaufen setzt und sich lebendig verbrennen laesst. Die Frau wird dann als Heldin verehrt und ihre Nachfahren kommen bis in die 9. Generation direkt ins Nirwana (d.h. koennen aus dem Zirkel der Reinkarnation ausbrechen). Diese Tradition gibt es schon seit Jahrtausenden, sie fuehrt auf die Goettin "Sita" zurueck, die fuer ihren Mann in eine Feuerprobe ging. War die Lage auf einer belagerten Festung fuer die Rajputen aussichtslos, zogen sie safrangelbe Gewaender an, stuerzten aus der Stadtfestung und kaempften bis zum letzten Mann. Die Frauen und Kinder bestiegen in der Festung riesige Scheiterhaufen und verbrannten sich, um nicht in die Haende der Feinde zu fallen. Dies wird in vielen Heldengeschichten in ganz Rajasthan besungen.
Es ist aber nicht immer ganz klar, ob die Frauen freiwillig oder gezwungenermassen Sita begehen. Oft ist in der Famile/Dorfgesellschaft kein Platz fuer Witwen, sie werden fuer den Tod ihres Mannes verantwortlich gemacht, ausgestossen und duerfen nicht wieder heiraten.
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