Monday, April 23, 2007

Hidden Fortress Trek


Von Kathmandu ging es mit der Canyoninggruppe in einem klapprigen Bus 3 Stunden Richtung tibetische Grenze. Dort liegt das "Borderland", ein kleines Paradies am Flussufer des Bhote Kosi. Zwischen Bueschen und Blumen finden sich auf kleinen Terrassen luxurioese Zelte, Toiletten und Duschen und ein Restaurant, dass unter einem Palmendach mit Bambusholz wie eine Lounge aussieht (Link 4 Tages trek) .
Im Borderland traf ich meinen Trekkingguide Min, der erst recht einsilbig erschien. Dieser stellte mir auch den Traeger und Koch Pema vor, einen kleinen Sherpa, der mich wie ein verschrecktes Kaninchen ansah. Fuenf Tage in Gesellschaft der beiden - das kann ja heiter werden, dachte ich, und wie gut dass ich ein paar Buecher zum Lesen dabei habe. So unterhielt ich mich noch solange wie moeglich mit den Teilnehmern der Canyoninggruppe, zwei Schweizerinnen aus Martigny, einer Franzoesin und einem Italiener.

Nach dem Mittagessen konnten wir ein Stueck weit mit der Canyoningruppe mitfahren, dann ging es ueber eine schwindelerregende wackelige Haengebruecke ans andere Flussufer. Und dort begann der Aufstieg. Wie ich spaeter erfahren habe, haben zwei Englaenderinnen die Stufen bis ins Bergdorf gezaehlt: es sind 4370 Stufen oder 700 Hoehenmeter Treppen. Und das bei knapp 30 Grad Hitze. So wurde ich auch ziemlich schweigsam und zaelte die Schritte bis zum naechsten Baum, bis zur naechsten Huette, bis zum naechsten Halt. Ca. alle 300m gibt es eine Art Haltestation, ein gemauertes Quadrat, wenn moeglich im Schatten. Dort treffen sich alle, die auf dem Weg nach oben sind, Dorfbewohner, Traeger, Bauern, Kinder. Ein Stueck weit wurden wir von zwei Traegern begleitet, einem ca. 70jaehrigen Mann, der barfuss mit einem riesigen Korb auf dem Ruecken (der mit einem Band an seinem Kopf befestigt war) und einem juengeren. Die beiden waren von einem Kiosk aus dem Bergdorf angestellt und tragen jeden Tag eine Riesenlast mit Waren nach oben. Mit der Zeit zog ein Gewitter auf und mit dem nahenden Donner beschleunigte ich meine Schritte. So kamen wir rechtzeitig vor dem Regen im Bergdorf an.

alleine daheim. Sie kuemmert sich um den Haushalt, die Kuh, zwei Ochsen, die Huehner und etwas Land. Bei unserem Besuch war zufaellig die ganze Familie daheim, da vor ein paar Tagen eine grosse Hochzeit im Ort war. Ich schaetzte Kayurmaya auf Ende 20, Anfangs 30, ihre aelteste Tochter schien aber schon ca. 13 Jahre alt zu sein. Min erzaehlte mir, dass unser Traeger Pema mit 14 verheiratet wurde, nun 10 Jahre verheiratet ist und zwei Kinder hat, die 5 und 2 jaehrig sind. Bei den ansaessigen Sherpas ist es ueblich, sehr frueh zu heiraten. Min kommt aus Pokhara, er ist aus der Magar Kaste, Dort uebernachteten wir im Haus einer einheimischen Familie, mit drei Huehnern im Gang. Pema und Kayurmaya, die Hausfrau, kochten uns auf offenem Feuer ein leckeres Abendessen und Min taute ein bisschen auf. Ich war es nicht gewohnt, von vorne bis hinten bedient zu werden und hatten ein schlechtes Gewissen. Pema machte mein Bett, einen improvisierten Tisch auf einer Isomatte und brachte einen Gang nach dem anderen. Mein Dankeschoen quittierte er immer mit einem kleinen, ernsten "welcome". Min war sehr sehr besorgt, dass es mir nicht gefallen koennte, meinte, wir wuerden morgen in einem luxurioesen Teahouse uebernachten und fragte ca. 20 Mal, ob ich mich auch nicht langweilen wuerde und ob das Essen auch gut waere. Mir war alles andere als langweilig, ich war etwas erschoepft, konnte aber nicht genug von den ganzen Eindruecken bekommen. Der Mann von Kayurmaya schaute neugierig vorbei und ich fragte ihn ebenso neugierig ueber alles aus. Er ist ein Geschaeftsmann, importiert Stoffe von China\Tibet nach Lhasa und lebt normalerweise im Tal. Ihre drei Kinder gehen auch im Tal zur Schule und uebernachten dort, so ist Kayurmaya normalerweisedie bekannt fuer ihre Krieger und Soldaten sind. Er hat die letzten Jahre ein paar Mal probiert, in die britische Gurkha Armee zu kommen. Als britisches Armeemitglied bekommt man ca. 1000 britische Pfund pro Monat, ein Vermoegen fuer Nepali, die um die 50 Dollar im Monat verdienen. Die Aufnahmebedingungen dafuer sind aber sehr schwierig, verstaendlicherweise bewerben sich hunderte junge Maenner dafuer und die Selektion ist streng. So muessen die Soldaten z.B. mit 125kg Steinen einen Berg hochrennen. Min schaffte die Aufnahme nie und ist ein bisschen enttaeuscht darueber. Mit seinen 24 Jahren ist er noch nicht verheiratet, als ich ihn nach dem Grund dafuer fragte, meinte er, seine Eltern wuerden die Entscheidung ihm ueberlassen und in der Schule haette er keine Maedchen in seiner Naehe gehabt. Ausserdem wolle er erst auf eigenen Beinen stehen, bevor er eine Familie gruendete.

Am naechsten Morgen meinten Min und Pema, dass ich gut laufen wuerde und wir so das Trekking von 5 auf 4 Tage verkuerzen konnten. Wenn ich gewusst haette, wie streng der Tag werden wuerde, hatte ich ihnen erzaehlt, dass ich am Vortag nur aus Angst vor dem Gewitter so schnell gelaufen bin. Start war 8 Uhr morgens, erst ging es gemuetlich am Hang entlang durch verschiedene Bergdoerfer. Wir sahen Frauen in den Feldern und Kinder, die in Koerben Gras sammelten oder Ziegen hueteten. Die Bauern bauen hier auf Tausenden kleinen Terrassen bis auf 2600m Weizen, Kartoffeln und Mais an.

Und endlich sah ich die Himalayaketten in der Ferne, ueberwaeltigend schoen. Das Gebirge erinnerte sehr an die Schweiz, einfach ein bis zwei Etagen hoeher. Zwei Berge waren knapp 7000 m hoch, einer davon ein heiliger Berg, aus dem drei heilige Fluesse entspringen und der deshalb nicht bestiegen werden darf.

Dann folgte ein steiler Abstieg in eine Schlucht. Komischerweise schien mir mein Rucksack beim Abstieg schwerer als beim Aufstieg zu sein und ich musste mich konzentrieren, nicht zu stolpern. Unten fuehrte eine Haengebruecke ueber den Fluss, die mir aber nicht geheuer erschien und so waehlten wir die Alternative und stiegen ueber grosse Steine. Meine Knie waren vom Abstieg sehr wackelig und zu Mins Entsetzen fiel ich in den Fluss... eine gute Abkuehlung... Vom anderen Flussufer waren es wieder 700 Hoehenmeter Aufstieg zu unserem Ziel Listi, ebenso steil wie am Vortag, aber ein schlechterer Weg und der prallen Sonne ausgesetzt. Ich war froh um jede Pause und staerkte mich mit Pemas getrockneten Fruechten, Cashew und Kokosnussstueckchen. Wir trafen einen Postboten, der taeglich die ganze Region ablaeuft um die Post auszutragen.

Endlich oben angekommen besichtigten wir einen Hindutempel und trafen eine junge Schwedin, die in einem Waisenhaus in Kathmandu arbeitet und ein Mischmasch aus Englisch und Nepali sprach. Sie war uebers Wochenende in einem anderen Resort zu Besuch und machte einen Tagesausflug nach Listi.
Min zeigte mir einen Maoisten mit einem Transistorradio, den ich misstrauisch beaeugte (hatte gehoert und gelesen, dass Maoisten gerne Touristen 100 Dollar fuer ihren Wahlkampf abzwingen). Politik ist ein heisses Thema in Nepal. Eigentlich sollten im Juni Wahlen sein, die wurden aber wegen organisatorischen Problemen auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Kandidaten sind alle nicht beliebt und Min meinte, die Maoisten wuerden wohl gewinnen.

Wir assen in einem kleinen Dorfladen Mittag. Dort befand sich das einzige Telefon (Satellit) des Dorfes, und im Laden wurde allerlei Krimskrams verkauft. Frauen aus dem Dorf kamen vorbei, um Suessigkeiten fuer sich und ihre Kinder zu kaufen... als Vorwand um mich anzuschauen. Der Maoist sprach mich ueber Pema an, wir unterhielten uns gemeinsam mit der Tochter des Ladenbesitzers und ich schenkte ihnen ein paar getrocknete Feigen. War dann froh, dass er kein Geld von mir wollte...
Eigentlich haetten wir in Listi uebernachtet, aber da es erst mittag war, liefen wir weiter, Richtung Chagam. Dieser Weg war wieder gemuetlicher, auf und ab dem Hang entlang. Unterwegs sahen wir Cross Yaks, eine Mischung aus Kuh und Yak, mit dichtem Fell und Pferdeschwanz.

Am Nachmittag kamen wir dann in Chagam an. Das Teahouse, in dem wir uebernachten wollten, war geschlossen und der Besitzer in Kathmandu, so sassen wir eine Stunde lang ratlos an einem Hindutempel herum. Ein aelterer Mann zeigte uns diesen, er freute sich ueber unser Interesse an Goettern, Trommeln und Zeichnungen. Eine aeltere Frau meinte, wir koennten im Haus ihrer Kinder uebernachten und wir nahmen ihr Angebot dankend an. Auch hier waren die Haeuser schoen dekoriert, mit bunten Holzschnitzereien, eine Toilettenhuette (mit Loch) und Wasserleitung 30m neben dem Haus. In der Wohnung hingen ca. 20 Bilder vom Dalai Lama, der Mann hatte einen Dalai Lama Sticker auf der Muetze. Die Hausfrau war 45, ihr Mann 55 ( sie erzaehlten mir spaeter, dass sie geheiratet haetten, love marriage, als sie 19 und er 22 war. War dann etwas unsicher bzgl. ihrem Alter). Sie hatten vier Kinder, die Soehne arbeiteten in Kathmandu, die beiden Toechter hueteten 15 Cross Yaks. Aus deren Milch produzieren sie kleine Kaeselaibe, die sie ueber dem Feuer in der Kueche raeuchern und auf dem Markt verkaufen. Ausserdem verkaufen sie getrocknete Holzstueckchen, dass bei religioesen Zeremonien verbrannt wird. Muss wohl Sandelholz, Myrrhe oder so etwas Aehnliches sein. Sie boten mir eine Getraenk an, der ein einer Art Butterfass aus Yakghee und Salz gemacht wird. Mit dem Abendessen gab es Raksi, ein alkoholisches Getraenk, dass wie Likoer schmeckte. Evtl. eine Art Reiswein? Es ist Sitte, dass die Glaeser der Gaeste immer voll sein muessen. So nippte ich vorsichtig an meinem Raksi, waehrend die anderen ein Glas nach dem anderen herunterschletzten.
Am naechsten Ort besichtigten wir das buddhistische Kloster und ich durfte am Gebet teilnehmen. Im Kloster wohnen 300 Nonnen, 70 Prozent von ihnen aus Tibet. Jede hat ihr eigenes Haus. Ich verstand kein Wort von der Predigt (Pema meinte spaeter, es handelte davon, dass man nichts Boeses tun sollte und Leuten helfen sollte), aber es war so schoen, im Tempel zu sitzen. Die Nonnen laechelten mich an und tuschelten, brachten Tee vorbei und lasen in ihren Gebetsbuechern. Zwischendurch kam eine Katze oder ein Hund vorbei. Es war eine wunderbare, friedliche, meditative Stimmung.
Um halb zehn wanderten wir weiter. Unterwegs sahen wir viele Stupas, die als Erinnerung fuer tote Lamas gebaut werden. Die buddhistischen Sherpas verbrennen ihre Toten in der Hoehe, Hindus am Flussufer (der Bhote Kosi fliesst irgendwann in den Ganges). Scheinbar starb vor zwei Jahren ein bekannter Lama aus der Region, seitdem suchen die Leute aus dem Kloster seine Reinkarnation. Der Lama hatte vor seinem Tode ein paar Hinweise gegeben, wo er wiedergeboren werde.

Unser dritter Tag war sehr lustig. Min und Pema versuchten, mir Nepali beizubringen, nannten mich Didi (grosse Schwester) und sangen Nepalilieder. Pema uebersetzte mir kichernd Witze in Englisch (die ich leider nicht verstand) und Min fragte mich ueber Europaer aus. Warum Touristen immer lesen, wenn sie doch in den Ferien sind. Und ob Gold wichtig fuer uns ist. In einem Hiphopvideo, das er gesehen hatte, trugen alle sehr viel Goldschmuck, warum dies so sei. Dass man vor der Heirat eine laengere Beziehung haben kann und dass es uneheliche Kinder oder Scheidungen und Patchworkfamilien gibt war ihm absolut unverstaendlich. Geburtstage sind unwichtig, aber es gibt den Brothers Day, an dem die Schwester dem Bruder ein Armband um die Hand bindet. Frueher haben die Nepali immer in Schlachten gegen die Tibeter verloren, aber wenn die Schwestern in Nepal ihren Bruedern Armbaender um die rechte Hand binden, sind diese unbesiegbar.

Wir besuchten ein altes Fort, das Duganagadi Fortress, dass strategisch guenstig auf einem Felsplateau auf 2400 m ueber dem Bhote Kosi liegt. Von dort hat man eine gute Sicht auf Khasa in Nepal. Das Fort soll der Sage nach in einer Nacht erbaut worden sein und man sieht auf einem Stein den Fuss und Knieabdruck des Koenigs, der hier mit seinem fliegenden Pferd landete.

Abends uebernachtetetn wir in Dungan. Min und Pema gingen Raksi trinken und ich frueh ins Bett. Hatte mir in Chagam Floehe und eine Erkaeltung eingefangen. Am naechsten Morgen stiegen wir ab und kehrten ins Borderland zurueck. Es war sehr komisch, wieder im Resort zu sein. Borderland gehoert einem Kanadier, und wird sehr westlich gefuehrt. Viele Sachen erinnerten mich an Club Med, die Angestellten machen Stimmung (morgen gehen wir Rafting, yehyeh, es wird super, yehyeh, wir sind die Besten). Das Essen ist superlecker, halb westlich mit viel frischem Gemuese. Wie im Club Med sitzt auch immer ein Guide an einem 6er Tisch, ich bemitleidete einen Nepali, der einen Tisch mit Franzosen teilte, die den ganzen Abend ueber seinen Kopf hinweg franzoesisch redeten. Ich teilte den Tisch mit zwei aelteren Daenen, die in einem Hilfsprojekt fuer CARE in Nepal arbeiten und einem uebermotivierten Guide, der mit aufgesetzter Froehlichkeit von seinen Touren berichtete. Einer der Daenen war grosser Fan der Schweizer Verfassung und fragte mich ueber deren Details aus. Wieviele Stimmen es fuer ein Referendum braucht, wie Entscheidungen auf nationaler und kantonaler Ebene gefaellt werden und was die Familiengeschichte von Nestle ist. Nicht gerade meine Spezialgebiete und alles so weit weg... Von rechts versuchte mich der Guide fuer Rafting oder Canyoning am naechsten Tag zu ueberreden... ich fluechtete recht bald in mein Zelt.

Den naechsten Tag verbrachte ich noch im Resort, kurierte meine Erkaeltung und fuhr dann wieder nach Kathmandu, in Gedanken immer noch in den Bergen. Das Trekking war meine beste Zeit in Asien, ich habe in den paar Tagen mehr ueber die Kultur hier gelernt als in den sechs Wochen zuvor. Die Leute hier scheinen mit fast nichts so gluecklich und zufrieden zu sein, und das faerbt ab. Moechte unbedingt wieder nach Nepal kommen und ein paar andere Treks machen.

Heute abend geht es erst mal wieder zurueck nach Muenchen und ich bin froh, wieder daheimzusein und alle wiederzusehen. Jetzt war ich doch eine ganze Weile weg. Obwohl ich so gerne reise und neue Laender entdecke habe ich das Gefuehl, nach Europa zu gehoeren und Teil der westlichen Kultur zu sein. Danke, dass ihr mich auf dem Blog begleitet habt, ich freue mich, Euch alles ausfuehrlicher daheim zu erzaehlen.

1 comment:

b e n e said...

hoi katha,
welcome back (außer deinen floehen)!
und ich bin gespannt, was fuer ein neues lieblingsgetraenk du diesmal mitgebracht hast..
ohne fernreisenlektuere wird der tag im buero wieder laenger, aber deinen bericht wirst auch bei mir los!
bis bald, b e n e